Ängste bei Hunden

Angsthase, Pfeffernase! Ein Hund, der belastet von verschiedenen Hemmungen durchs Leben schleicht, hat es nicht leicht: Unsicherheit bedeutet Dauerstress für den Vierbeiner und kann situationsbedingt sogar aggressives Verhalten hervorrufen. Ein untragbarer Zustand für Hund und Halter. Die Hamburger Hundetrainerin Maren Grote über Wege, die Hunde stark und dem Herrchen Mut machen.

Woran erkennt man, ob ein Hund Angst hat?

Zunächst muss der Halter zwischen Angst und demütigem Verhalten unterscheiden lernen. Diese Verhaltensweisen sehen sich durchaus ähnlich, dürfen aber nicht miteinander verwechselt werden. „Demut“ lässt sich eher mit „Höflichkeit“ vergleichen. „Angst“ hingegen ist ein rein negatives Gefühl. Dieses zu überwinden bedarf oftmals der Hilfe des Halters und eines Hundetrainers.

Ängste bei Hunden

Wie sieht demütiges Verhalten aus?

Der Hund macht sich klein und hält die Rute unten. Seine Bewegungen sind schnell und flatterhaft. Meist wedelt er ganz schnell und tief mit seiner Schwanzspitze. Seine Ohren sind zurückgelegt, er macht ein niedliches Babygesicht. Seine ganze Mimik zieht sich nach hinten. Sein Blick wendet sich immer wieder von seinem Gegenüber ab. Manch sehr demütiger Hund rollt sich auch auf den Rücken, quietscht und lässt sogar ein wenig Urin ab. Oftmals lässt sich dieses Verhalten bei Begrüßungssituationen zwischen einem jungen und einem erwachsenen Hund oder einem Menschen beobachten. Überhaupt neigen junge Hunde oder auch sehr früh kastrierte Hunde häufig zu ausgeprägtem Demutsverhalten.
Das Demutsverhalten ist eine höfliche Geste und zeigt dem Gegenüber, dass er kein Gegner ist. Der Hund macht sich klein und welpenhaft, um Konflikten aus dem Weg zu gehen und beim Gegenüber Mitleid zu erregen und Großherzigkeit zu erzeugen. Diese Verhaltensweise macht für das Tier daher nur in einem sozialen Zusammenhang Sinn – wenn mit einem anderen Lebewesen in Kontakt getreten wird und nicht mit einem Gegenstand oder in einer ungewohnten Situation. Ein Hund, der Demut zeigt, hat also keine Angst.

Dann stellt sich "Angst" anders dar?

Ja. Angst heißt in erster Linie weglaufen! Kann ein Hund einer beängstigenden Situation nicht entkommen, bleiben ihm nur zwei weitere Optionen: entweder erstarren und fest in der Position verharren oder kämpfen und versuchen, der Situation zu entkommen.
Der Klassiker: Hund beim Tierarzt. Das Tier hat Angst und möchte eigentlich nur fliehen, wird aber festgehalten. Jetzt schüttet der Hundekörper Hormone aus, die aufmerksam und fluchtbereit machen und für die entsprechenden körperlichen Symptome sorgen: Zittern am ganzen Körper, schnelles Hecheln und Sabbern mit dunkelroter Zunge, erhöhter Blutdruck.

Ein Hund mit Angst sieht mitleiderregend aus. Das Gesicht ist angespannt und zu einer Maske erstarrt, die Augen sind weit aufgerissen, die Pupillen groß und dunkel. Klares Denken ist in so einer Situation kaum noch möglich. Steht ein Hund unter Dauerstress, können auch Symptome wie Fellverlust, Schuppen, Durchfall und Erbrechen auftreten.

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Wie entstehen Ängste beim Hund?

Häufig beginnt Angst mit einer Sorge. Diese klopft erst ganz leise an. In diesem Stadium besteht noch die Möglichkeit, offen zu reagieren. Bestätigt sich die Sorge aber oder wird sie gefördert, kann aus einem ersten Bedenken eine handfeste Furcht werden.
Beispiel Silvester: Die meisten Hunde mit Angst vor Böllern und Raketen steigern ihre ausgeprägte Abneigung gegen die Geräuschkulisse von Jahr zu Jahr. Im ersten Jahr ist noch alles in Ordnung. Die kleine Sorge des Hundes bekommt sein Halter kaum mit. In den darauffolgenden Jahren wird es dann immer schlimmer.
Angst ist ein emotionaler Zustand, der wächst und gedeiht, wenn nicht aktiv dagegen gearbeitet wird.

Angst bei Hunden

Kann sich Angst von einer Situation auf eine andere übertragen?

Absolut. Ein Hund mit Angst vor Gewitter kann durchaus eine allgemeine Angst vor lauten Geräuschen entwickeln. Ängste sind nicht immer logisch zu erklären. Ein Hund, der Angst vor Stiefeln hat, muss nicht zwangsläufig getreten worden sein. Vielleicht hat er auch ein anderes schlechtes Erlebnis mit den schweren Schuhen verknüpft.

Lässt sich der Entwicklung von Ängsten vorbeugen?

Unkenntnis ist der beste Nährboden für Ängste. Ein Hund, der gänzlich ohne Reize aufwächst und keine Gelegenheit hat, die Welt zu erkunden, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Ängste entwickeln. Welpen müssen nicht nur mit Artgenossen aufwachsen, sondern auch so früh wie möglich verschiedenste Lebenssituationen in einem entspannten Umfeld kennenlernen.

Überträgt sich die Angst des Halters, etwa bei Gewitter, automatisch auch auf den Hund?

Nicht zwangsläufig. Zum Glück hat jeder Hund seine eigenen Kompetenzen – unabhängig davon, was ich als Mensch fühle. Trotzdem sollte ich mich darum bemühen, mit gutem Vorbild voranzugehen und meinem Hund gegenüber Normalität auszustrahlen. Falsch wäre auch, ihn vehement davon überzeugen zu wollen, keine Angst haben zu müssen. Normalität lernt der Hund durch Normalität und nicht durch aufgeregtes oder besorgtes Verhalten des Halters.

Darf ich als Hundehalter denn gar kein Mitleid zeigen?

Es kommt darauf an, wie stark der Hund Angst zeigt. Zeigt mein Tier nur eine kurze Sorge an und kann ich mit entsprechendem Zuspruch für Entspannung sorgen, ist das in Ordnung. Ist der Hund schon in Panik, hilft es ihm weitaus mehr, ihm ruhigen und liebevollen Körperkontakt anzubieten. Ihn also einfach zu halten und dabei selbst ruhig zu atmen und sich bedächtig zu bewegen. Hat der Vierbeiner das Vertrauen gefasst, bei seinem Halter in angsteinflößenden Situationen Ruhe zu finden, lässt sich mit der Unterstützung eines Hundetrainers ein Training aufbauen, das die Angst langfristig nimmt.

Welche charakterstärkenden Maßnahmen konditionieren einen Welpen positiv?

Rein ins Leben! Voller Mut und Interesse die Welt erkunden. Hier kommt uns die angeborene Neugierde der Kleinen sehr entgegen. Viele gute Erfahrungen schaffen, aber auch die schlechten zulassen. Die Gefahr, dass ein einziges Ereignis einen stabilen Hund plötzlich zu einem Angsthund werden lässt, geht gegen null. Also nur Mut. Beim Gefühl, dass ein Welpe zu Sorgen und Ängsten neigt, macht es Sinn, professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen. So lassen sich die Weichen frühzeitig stellen.

Ist es schwerer, einen erwachsenen Hund dazu zu bringen seine Ängste abzulegen?

Nein, das lässt sich nicht pauschal sagen. Es ist eher die Frage, wie lange die Angst schon besteht und was für ein Typ der Hund ist.
Hunde sind eigentlich bemerkenswert gut darin, mit schlechten Erfahrungen umzugehen. Ihre Fähigkeit glücklich zu sein, obwohl nicht immer alles rund läuft, ist beachtlich. Man denke nur mal an unzählige Hunde, die aus wirklich schlechter Ursprungshaltung kommen und im Anschluss trotzdem ein ganz normales und angstfreies Leben führen können. Auf diese Fähigkeit der Selbstheilung würde ich bauen und dem Hund erst einmal alles zutrauen, egal wie alt er ist.

Haben Hunde ein Langzeitgedächnis oder werden schlechte Erfahrungen wieder vergessen?

Hunde haben ein Langzeitgedächtnis. Was sie erleben oder erlebt haben, beeinflusst ihr Denken und Fühlen. Eine Tendenz zur Angst kann aber auch genetisch verankert sein. Sie ist dann der Acker, auf den alle Erfahrungen fallen. Daher entwickeln Hunde häufig auch rassetypische Probleme. Das Gute am Langzeitgedächtnis ist, das effektiv gelernt werden kann – aber alles, was erlernt werden kann, kann auch wieder verlernt werden.

Maren Grote lebt mit ihren beiden Hunden Hummel und Nanu!, ein Doggen- und ein Neufundländer-Mix, östlich von Hamburg und ist Inhaberin der Hundeschule „Lotte-Hundetraining“. In Seminaren und Einzelstunden berät die zertifizierte Hundetrainerin und CANIS-Absolventin zu den Themen Hundeerziehung und -ernährung sowie artgerechte Auslastung. Weitere Informationen zu Maren Grote finden Sie unter www.lotte-hundetraining.de.


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